Essay · · 3 Min.
den tiger reiten
Mir ist aufgefallen, dass ich zu lange digital gelebt habe. Es war ein freudiges, geselliges Leben, aber es war nicht real, und allein war ich trotzdem. Die tausend Gesichter, die mich anschauten, gaben mir bloß das Gefühl, es nicht zu sein.
Daraus erwächst mir die Frage, was es bedeutet, real zu leben, in Zeiten des Konsums.
Ich kenne kein echteres Gefühl als dieses: den unterkühlten Körper in zu warmes Wasser zu legen. Oder den Schmerz beim Training zu durchstehen. Beide Gefühle haben eines gemeinsam: Sie sind nicht zerstreut. Sie verlangen den ganzen Menschen, hier und jetzt.
Das Internet und die sozialen Netzwerke dagegen verlocken uns zur Zerstreuung, zum Multitasking. Lange dachte ich, meine Arbeit sei nichts wert, weil sie sich nicht richtig anfühlte: nicht schnell, nicht sofort, nicht monumental. Dieses Gefühl entstand, weil ich Hunderte Leben gleichzeitig durchlebte und zu viel machte, statt mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Die Zerstreuung rührt von der Imagination her, von der Fähigkeit, Situationen und Momente zu durchleben, ohne sie zu leben. Sie ist eine Flucht vor der eigenen Realität. Und zugleich flüstert sie uns ein, uns stünde mehr zu, als unser Schaffen hergibt. Ihr Name: Neid.
Irgendwann merkte ich, dass die Zerstreuung sogar in die Hallen des Stahls vorgedrungen war, in jene Räume, die sonst mein Ort der Ruhe, der Vernunft und der Konzentration waren. Da wusste ich: Ein Lebenswandel muss her.
Zwei Lebensweisen konkurrieren miteinander. Das schnelle, wandelnde, auf Trab haltende Leben der Zerstreuung, das Leben der Moderne. Und das langsame, konzentrierte Leben des Bewusstseins, des Im-Moment-Seins. Lange hielt ich Letzteres für rückschrittlich, für erfolglos. Ich war stolz auf meine Gabe, Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten, und merkte nicht, dass ich unter ihnen zusammenbrach und selbst nicht vorankam.
Doch der Ausstieg fühlt sich zunächst leer und einsam an. Man nimmt sich den künstlichen Sinn, der darin besteht, up to date zu sein, und muss nun selbst einen schaffen. Nihilismus. Das absurde Fragezeichen.
Die Einsamkeit ist ein Maßstab, an dem man bricht oder wächst. Doch es gibt eine andere Form von ihr, für die das Deutsche kaum ein Wort hat: das Alleinsein, das man nicht erleidet, sondern wählt. In ihm liegt die Kraft des Schaffens, des wahren Erkennens, der Möglichkeiten, und die göttliche Stimme in dir. Hier wird das Genie geboren, und nur ein Narr kehrt mit dieser Erkenntnis zurück.
Ich war dieser Narr. Aber es war nicht lustig. Wer im Schnellen verharren muss, ist abgelenkt. Der Kopf spielt Spiele mit einem, die man nicht durchschaut. Man hält für sein eigenes Ziel, was man nur begehrt, weil andere es begehren, und hat keinen Augenblick, um zu hinterfragen, was dahintersteckt. Mimetisches Begehren.
Dasselbe galt, als ich den Weg des Waldes wählte, den Weg des Urigen. Er war nicht für mich. Ich hielt ihn für passend, weil er nach Ruhe und Bestimmung aussah. Doch auch die Flucht aus der Moderne kann nur eine weitere Nachahmung sein.
Man kann den modernen Menschen nicht aus der Moderne herauslösen. Er muss sie nutzen, statt sie zu bekämpfen, einen eigenen Pfad erkennen und den Tiger selbst reiten.
Der Pfad ist bereits klar. Du musst ihn nur gehen.